Günter Netzer: Der etwas andere Star

Günter Netzer suchte das Besondere – sportlich wie privat. Aus der Tiefe des Raumes, so betitelte er später auch seine Autobiographie, organisierte er das Spiel seiner Mannschaft. Mit außergewöhnlichen Pässen brachte Netzer Gegner, bisweilen aber auch seine Mitspieler und Trainer zur Verzweiflung.

1963 debütiert Günter Netzer in der ersten Mannschaft von Borussia Mönchengladbach. Schnell wird der begabte Spielmacher fester Bestandteil des Teams, zwei Jahre später folgt der Aufstieg aus der Regionalliga in die Bundesliga. Die Gladbacher Fohlen etablieren sich in der Liga, Netzer wird zum unumstrittenen Kopf der Mannschaft.

Sein Spiel ist stets mit großem Risiko behaftet, immer wieder landen viele seiner Pässe beim Gegner. Doch sein Trainer Weisweiler fordert das riskante Spiel von ihm. Und Netzer belohnt das in ihn gesetzte Vertrauen mit spielentscheidenden Vorlagen. Und nicht nur fußballerisch überzeugt er, Netzer übernimmt Verantwortung. Seine Mannschaftskameraden richten sich an seiner Autorität auf. Dank dieses Sonderstatus darf Netzer seine Extravaganzen ausleben. Er hebt sich von anderen Profis ab, gründet eine Versicherungsagentur. Später eröffnet er eine Diskothek. Sechs Jahre nach dem Aufstieg gelingt dem eigenwilligen Regisseur dann der sportliche Coup: Gladbach holt in der Saison 1970/71 die Meisterschaft.

Zwei Jahre hält es ihn noch in der Bundesliga, für den Meistertitel reicht dabei nicht noch einmal. Unvergessen bleibt sein letztes Pflichtspiel für die Borussia, das Pokalendspiel gegen den 1. FC Köln. Günter Netzer ist außer Form, dazu kommen die Querelen um seinen bevorstehenden Wechsel. Weisweiler setzt seinen besten Spieler deshalb auf die Bank. Die Partie ist aufregend, geht nach einem 1:1 in die Verlängerung. Netzer weiß, was zu tun ist. Er zieht seine Trainingsjacke aus, die Fans jubeln, auf dem Weg zur Außenlinie wirft er seinem Trainer eigenmächtig zu: „Ich spiel' dann jetzt.“ Weisweiler hat keine Wahl. Drei Minuten später erzielt Netzer mit einem fulminanten Schuss den entscheidenden Treffer und macht Gladbach zum Pokalsieger. Netzer wird schließlich als Fußballer des Jahres ausgezeichnet, es folgt der Wechsel zu Real Madrid. Mit den Königlichen kann er 1976 seinen zweiten Meistertitel gewinnen. Bei den Grashoppers Zürich lässt er seine Karriere schließlich ausklingen.

Doch ein Makel bleibt in der erfolgreichen Karriere: Seine besten Spiele macht Netzer für Borussia Mönchengladbach, in seiner gewohnten Umgebung und einer Mannschaft, die ihn als unumstrittenen Chef akzeptiert. In der Nationalmannschaft sind seine genialen Pässe indes selten gefragt. Einzig 1972 ist er fester Bestandteil der Mannschaft, die zum ersten Mal den Europameistertitel nach Deutschland holt. Meist steht Netzer jedoch im Schatten eines anderen großen Spielmachers aus Köln: Wolfgang Overath. Als Deutschland 1974 Weltmeister wird, hat Günter Netzer ganze 22 Minuten gespielt. Er holt zwar den Titel, gesteht später aber, er fühle sich nicht als Weltmeister. Am Ende seiner Karriere kann er auf magere 37 Länderspiele zurückblicken.

Nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn startet Netzer eine zweite Karriere: Er wird Manager des HSV. Unter seiner Führung holt der Club drei Meisterschaften und feiert mit dem Gewinn des Pokal der Landesmeister den größten Erfolg der Vereinsgeschichte. Später verdient er sein Geld als Mitinhaber des Sportrechteunternehmens Infront, wird an der Seite von Gerhard Delling zudem zum Fernsehexperten. Und krönt damit unverhofft seine Karriere mit einem weiteren großen Titel: Für seine Moderation mit Delling erhält er 2000 den Grimmepreis.