Gerd Müller – Bomber der Nation

46 Tore in 33 Ligapartien für den TSV Nördlingen: Für den damals zweitklassigen FC Bayern München sind das Gründe genug, den 21-jährigen Gerd Müller unter Vertrag zu nehmen. Doch auf den Wechsel folgt die Ernüchterung: Der damalige Bayern Trainer Cjik Cajkovski fragt in Anspielung auf Müllers kräftige Statur, was er mit einem Gewichtheber anfangen solle. Müller muss sich zunächst mit der Reservistenrolle begnügen, kommt erst nach zehn Spielen zu seinem Debüt für die Bayern. Seine Antwort: Zwei Treffer zum Einstand, am Ende der Saison sind es 33. Trainer Cajkovski nennt seinen durchschlagskräftigen Angreifer nun liebevoll „kleines dickes Müller“.

München steigt in die erste Liga auf, erreicht mit Spielern wie Franz Beckenbauer, Sepp Meier und eben Gerd Müller als Aufsteiger den dritten Rang und wird Pokalsieger. Müller macht sich als Torjäger schnell einen Namen: Er gibt keinen Ball verloren, erzielt Tore aus den ungewöhnlichsten Lagen – ob sitzend, liegend oder nach blitzschnellen Drehungen. Er ist ab sofort der Bomber der Nation. Im selben Jahr feiert er unter Trainer Helmut Schön sein Debüt in Nationalelf. Die Erfolgsstory geht weiter: Bayern holt im Folgejahr den Europapokal der Pokalsieger, Müller wird zum ersten Mal Torschützenkönig der Bundesliga. Zwei Jahre später, 1969, gelingt dann sogar das Double.

Die Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko sollte dann eng mit dem Namen Gerd Müller verbunden bleiben. Nach einer souveränen Vorrunde trifft Deutschland im Viertelfinale auf Weltmeister England, das eine 2:0-Führung herausspielt. Deutschland kann spät ausgleichen, die Partie geht in die Verlängerung. Gerd Müller sorgt schließlich für die Sensation: Sein Treffer zum 3:2 sorgt für das dramatische Aus der Engländer. Im Halbfinale wartet Europameister Italien. Nach der frühen Führung der Italiener kann Deutschland kurz vor Schluss ausgleichen. In der Verlängerung gelingt dem Bomber erst die Führung, nach zwei Gegentreffern noch der Ausgleich. Doch Italien schlägt erneut zurück, gewinnt mit 4:3. Die an Dramatik nicht zu überbietende Partie geht als Jahrhundertspiel in die Annalen der Fußballgeschichte ein, die WM als attraktivste überhaupt. Mittendrin: Gerd Müller, der mit phänomenalen zehn Treffern Torschützenkönig wird. Er erhält daraufhin als Europas Fußballer des Jahres den Ballon d'Or.

Müller ist nun weltbekannt, sein Torinstinkt einmalig. 1972 schafft er es endgültig in die Geschichtsbücher: Mit 40 Treffern, einer außergewöhnlichen Marke, die bis heute unübertroffen bleiben sollte, schießt er Bayern zur Meisterschaft. Nach der Saison steht die Europameisterschaft an, der Bomber trägt mit vier Treffern zum Titelgewinn bei.

Zwei Jahre später findet die Weltmeisterschaft im eigenen Land statt. Deutschland spielt eine durchwachsene Vorrunde, zieht aber überzeugend ins Finale ein. Dann die Überraschung: Drei Tage vor dem Endspiel informiert Müller Trainer Schön über seinen Rücktritt nach dem Turnier, weil er die vom DFB ausgelobten Prämien für den Weltmeistertitel für lachhaft niedrig hält. Es wird Müllers letztes Spiel für die Nationalelf – und sein letztes Tor: Im heimischen Münchner Olympiastadion trifft der Bomber gegen die Niederlande zum spielentscheidenden 2:1, macht Deutschland damit zum Weltmeister.

Für Müller folgen weitere erfolgreiche Jahre: Mit den Bayern gewinnt er dreimal in Folge den Europapokal der Landesmeister, 1976 als Krönung den Weltpokal. Drei Jahre später kommt es zum unrühmlichen Abschied aus München: Der Bomber wird zum ersten Mal in seiner Bayern-Karriere ausgewechselt, ist darüber grenzenlos enttäuscht und fordert die Freigabe vom Verein. Nach 13 Bayern-Jahren, in denen er in jeder Spielzeit die vereinsinterne Torjägerliste anführte und siebenmal Torschützenkönig wurde, wechselt der Bomber zu den Fort Lauderdale Strikers, spielt zwei Jahre in der nordamerikanischen Soccer League, kann aber keinen Titel gewinnen.

Seine größte Krise erlebt Müller nach dem Ende seiner aktiven Karriere. In den USA fühlt er sich nicht wohl, verspekuliert sich zudem mit der Eröffnung eines Restaurants. Von Heimweh und Geldsorgen geplagt, kehrt Müller nach Deutschland zurück, hat keine Aufgabe und wird schließlich alkoholkrank. Vermittelt durch seinen ehemaligen Mitspieler Uli Hoeneß macht er einen erfolgreichen Entzug und kehrt schließlich zu den Bayern zurück: Als Assistenztrainer der Amateurmannschaft.